Interview mit Leander Haußmann zu den geplanten Flugrouten über den Müggelsee

Was halten Sie von den geplanten Flugrouten?

Natürlich stehe ich zu diesen Flugrouten sehr negativ, aber vor allem stehe ich sehr skeptisch dem Verfahren gegenüber, wie uns das mitgeteilt wurde und wie es sozusagen beschlossen wurde.
Das widerspricht doch allen demokratischen Regeln, die wir uns auch irgendwie anders vorgestellt hatten als wir ’89 die Mauer einrissen. Und wenn mir sowas zu Ohren kommt, dann werde ich auch tätig, böse, und dann hat man den schlafenden Hund geweckt, und dann wird man mich auch nicht mehr los. Übrigens auch nicht, wenn sich an dem Beschluß nichts ändert, auch nicht, wenn die Flugzeuge hier rüberfliegen. Ich hör dann nicht auf. Ich habe schon ganz andere Leute mit Briefen und mit Beharrlichkeit in die Knie gezwungen.

Was für Aktionen planen Sie?

Wir sind noch am Anfang der Planung, aber wir werden wahrscheinlich so weit gehen, daß wir hier entsprechende Stellen besetzen, Rathäuser, daß wir Friedrichshagen absperren und daß wir hier eine eigenene Regierung gründen, die Demokratie vorlebt, so wie wir sie uns vorstellen. Übrigens mit einem eigenen Staat und mit der eigenen Souveränität geht natürlich auch eine Flugverbotszone einher.

Was erwarten Sie von den Politikern?

Ich erwarte von den Politikern Anstand, Höflichkeit zunächst einmal und Respekt vor ihren Bürgern, und daß sie sich nicht, wobei ich das durchaus verstehen kann, daß man das mag – Musicals und Fashion Weeks usw. und Champagner saufen und Schalentiere futtern – ganz mein Ding, aber trotzdem, wenn solche Dinge passieren, und es sind hier nicht nur 100 sondern 100.000 oder 200.000 Bürger, die das betrifft, dann hat man sich gefälligst an die Orte des Geschehens zu bewegen. Das ist ihr Job. Dafür werden sie von uns im übrigen bezahlt, was sie manchmal vergessen, auch wenn sie in ruhigeren Orten wohnen.

Inwiefern sind Sie persönlich von den geplanten Flugrouten betroffen?

Also ich selber bin insofern betroffen, als daß ich hier wohne. Aber das muß nicht sein, also ich kann auch wegziehn. Ich hab Zigeunerblut, ich muß her nicht bleiben. Ich bin insofern betroffen als daß meine gesamte Familie von hier kommt, also meine Großeltern waren hier schon. Ich glaube, da wo unser Haus stand, in der Scharnweber Strasse, ist eine der wenigen Bomben gefallen. Die meisten Verwandten aus Friedrichshagen liegen hier auf dem Friedrichshagener Friedhof. Ich hab erst in der Scharnweber gewohnt, dann am Goldmannpark, dann habe ich mich bis zum Müggelsee hochgearbeitet.

Und was mir halt so gefällt hier ist, daß das es kein Ort für VIPs, Politiker und Prominente ist, sondern daß hier alle zusammen wohnen – Künstler, Professoren, Handwerker, Arbeiter in friedlicher Eintracht, in Ruhe, daß sie den Leuten aus Berlin, die hierher kommen, um sich zu erholen von den schweren Arbeiten, der dreckigen Luft, die dort ist, daß wir ihnen hier einen schönen Platz bereiten, daß wir hier die Stellung halten. Ich sehe es sozusagen als übergeordnete Aufgabe dagegen zu kämpfen. Das ist ein Stück Heimat und das werden wir nicht einfach so aufgeben, nur weil Friedrichshagen weniger Lobby hat als der Wannsee.

Der Wannsee hat die Wannsee-Konferenz, wir aber haben hier den Friedrichshagener Dichterkreis. Hier hat Strindberg gewohnt. Hauptmann hat hier ‚Einsame Menschen’ geschrieben. Hier wurde die Volksbühnenbewegung und die Volkshochschule gegründet. Hier war immer die grüne Lunge von Berlin. Im Naturtheater hat Heinrich George gespielt. Das muß man jetzt auch mal zur Kenntnis nehmen und nicht immer auf die alten traditionellen Orte in Berlin pochen. Hier ist auch sehr viel, was es zu erhalten gilt.
Hab ich das gut gesagt? Bin ganz in Form jetzt. Könnt sofort da hoch gehen und ’ne Rede halten! … Sind schon alle weg.

Wie haben Sie die Demonstration heute erlebt?

Die Demo ist ein bißchen strukturlos. Wir müssen Struktur reinbringen. Demonstranten sind auch nur Publikum, und die müssen ein bißchen bei der Stange gehalten werden. Mir fehlt ’n bißchen die Musik. Okay, ich habe mich heute darüber aufgeregt, daß ich nicht den Oktoberclub hören möchte von den ewig gestrigen, die hier versuchen auf einen Zug aufzuspringen, der ihnen nicht zusteht, denn wenn es nach denen gegangen wäre, würden wir hier gar nicht stehn. Ich kann mich noch erinnern, ’89 von einem Bullen verfolgt worden zu sein. Sondern wir haben uns hier eine Demokratie erkämpft und die sollten wir jetzt erstmal ausnutzen. Und die Struktur sollte die sein, daß hier ein bißchen Musik, ein bißchen Kunst stattfindet, daß es einen Anfang und ein Ende gibt und vor allem, daß die Dinge konkret bleiben.

Daß es laut ist, wenn hier Flugzeuge rüberfliegen, das wissen wir, daß die Umwelt geschädigt ist, das wissen wir. Aber jetzt müssen wir mal sehen, wie wir weiter machen. Nicht daß die uns da auslachen, denn die denken nämlich, die können das aussitzen. Und wenn es hier so weiter geht, dann können die das auch aussitzen. Dann sitzen die das auch aus. Und dann fliegen die Flugzeuge hier rüber und irgendwann gewöhnt man sich dran. Und dann gibt’s ja auch die, die sagen: wieso?- die Straßenbahn ist doch viel lauter als die Flugzeuge usw. Ich glaube, die wissen immer noch nicht, was es bedeutet, wenn alle acht Minuten ein Flieger im Tiefflug hier rüber saust.

Was machen Sie am nächsten Montag?

Ich glaube, daß man nicht immer unbedingt an diesem Montag festhalten sollte. Es ist ein guter Termin, aber irgendwann muß man auch mal raus aus Friedrichshagen, und zwar nicht nur nach Schönefeld, sondern nach Berlin. Man muß vors Rote Rathaus. Wenn Wowereit nicht hierher kommt … wenn der Philosoph nicht zum Volk kommt, muß das Volk zum Philosophen gehn. … Oder war es anders? Wenn der Philosoph nicht zum Berg geht, kommt der Berg zum Philosophen. Und die sollen sich das nicht so leicht vorstellen. Es ist erst der Anfang.
Und was ich mir wünsche, ist, daß hier ein bißchen mehr junge Leute herkommen. Das war mir heut ein bißchen zu vergreist.